Freitag, 25. Dezember 2015

2015

Mama
Du wolltest deinen Körper und die Symptome heilen, während es deinem Geist immer schlechter ging. Denk nach all den Jahren, die du für andere gelebt hast mal an DICH, Mama. Ein halbes Jahr habe ich mir freigenommen, zwei Wochen lang zu hause durchgehalten. Mich selbst zurückzuhalten. Dich bei Laune zu halten. Haltung zu bewahren. Ein Engel zu sein.
Nicht durchzudrehen.
"Lea?" Ja meine Liebe. Alles was du willst. Darum bin ich ja hier.
Essen machen, Essen anreichen, Zähne putzen, duschen, vorlesen, CD einlegen. Aufheitern.  Spazieren fahren, Telefonate erledigen, E-Mails schreiben, Wäsche waschen, einkaufen, lieb sein. 
"Lea!" Ja mein Schatz? Nüsse? Ist dir etwas runtergefallen? Will die Katze rein? Braucht sie Futter? Ich liebe dich. Ich mache dich gesund. Ich bin heute abend eingeladen, das ist egal. Es tut mir leid, dass ich so lange unterwegs war und du dir Sorgen gemacht hast. Irgendwann musst du aufhören dir Sorgen um uns zu machen, das belastet dich.
Ich brauche keine Hilfe. Ich ziehe wieder bei euch ein. Dafür auch nicht. Ich schaffe das alleine.  Lea, nimm dir mal nicht zu viel vor. Das wird doch auch zu viel für sie, eine Belastung. Der Stress. Willst du das wirklich machen? Bleibt doch in Deutschland. Mit Rollstuhl kann man ja nicht einfach drauf losfahren. Sei nicht so blauäugig. Ein Wohnmobil...dafür brauchst du doch einen anderen Führerschein. Macht doch einfach eine Kreuzfahrt.
Wie finde ich Wunderheiler und Schamanen? Wir brauchen temperamentvolle, tanzende, fröhliche Kulturen. Wie kommt man da hin? Wie bitte? Das Hostel hat kein barrierefreies Zimmer? Couchsurfing für Rollstuhlfahrer gibt es so nicht? Was soll das heißen? Wo packe ich eigentlich die ganzen Windeln rein? Erstmal Mountainbike-Reifen bestellen. Der spezialisierte Reiseanbieter will eintausend Euro für drei Tage? Hab ich jetzt nicht. Moment, was erwartest du dir eigentlich von unserer Reise? "Eiffelturm, Tower Bridge", bla, warum das? Davon träumst Du? Da draussen gibt es doch mehr..
"Lea!! " Ja Mama? Ich war doch gerade erst da. Habe gefragt ob du noch etwas brauchst. Aber ich komme nochmal runter. Und sonst? Wollen wir in den Garten? Nein? Wollen wir mal wo anders hin? Nein? Kommst du alleine aufs Sofa? Nein? Einen Film gucken? Schon zu spät? Nun gut. Ich weiß schon warum ich nach dem Abi kein FSJ in einer Pflegeeinrichtung gemacht habe.
Heute Zahnarzt. Mama..warum wackelst du mit Deinem Bein? Freust Du Dich? Aber ich will dir den Schuh anziehen. Also lass das. Mama? Hör auf damit! BITTE!!
Tränen in ihren Augen. 
"Ich kann nicht."
Nichts kannst du Mama. Nicht mal lesen. Und dauernd verschluckst du dich. Das ist peinlich. VERDAMMT SEIT WANN. Da stecke ich all meine Energie in dich und du fängst an heftiger zu zittern?! Warum tust du mir das an? Es tut mir leid, Mama. Ich wollte dich nicht anschreien. Ich wollte nicht, dass du weinst. Ich liebe dich doch.
"Lea!!!" Was?? Komm auf den Punkt verdammte Scheiße!! Rede endlich wieder schneller!! 
Das nervt!
"Ich wollte nur eine Banane..." Nichtmal Bananen essen kannst du. Was hast du heute gemacht? Nichts. Weil du nichts machen kannst. Nichtmal die Katze schläft mehr bei dir, seit dem dein Bein wackelt. Nein, ich gebe ihr kein Leckerli, die Katze ist scheiße. Du lachst gar nicht mehr. Warum lachst du nicht mehr, Mama? Nächste Woche fahren wir an einen See. Warum freust du dich nicht? Warum bist du genervt, wenn Nora und ich albern sind? Warum weinst du? Ich liebe dich. Ich vermisse dich. Auch wenn du da bist. Ich will dich zurück. Ich will alles wieder gut machen. Ich bereue alles. Du warst nie peinlich, wenn du in der Tür standest und mir vor anderen zum Abschied gewunken hast, bis wir hinter der Kurve waren. Ich habe das alles nicht so gemeint. Wenn du heute mit selbstgemachten Schnittchen in mein Zimmer kommen würdest um sie mir und meinen Freunden zu bringen, würde ich dich nicht mehr anschreien, dass du dich verpissen sollst. Ich würde dich lachend umarmen, weil du laufen kannst.
Ich will die Zeit zurück Mama. Du warst so gut zu mir. Wie konntest du mich ertragen? Freitags war Pfannkuchentag. Sonntag Ausflugtag. Meistens ein Waldspaziergang. Hast mir den Rücken gekrault, mir etwas vorgesungen bis ich eingeschlafen bin. Hast dir frei genommen als ich krank war. Mich nachts aus den abgelegensten Dörfern abgeholt. Jedes Jahr hing über meinem Geburtstagstisch ein Kunstwerk. Bis zu meinem 20. Scheiße, das war doch gerade.. Da konntest du noch malen.Heute nicht mehr. Ich habe gesagt viele deiner Bilder gefallen mir nicht. Ich hasse mich. Wann war der Tag an dem du das letzte mal gekocht hast? Das letzte mal gerannt bist?
"ich kann nicht" DU KANNST!!! MAMA DU KANNST, DU KANNST DAS NOCH
Ich helfe dir nicht auf das Sofa. Du schaffst das. Ich lasse nicht zu, dass das das letzte Mal wird. 
Ich verstehe dich nicht. Dir ist so viel Unrecht passiert, du wurdest fertig gemacht, ausgenutzt, nicht ernst genommen, obwohl du so intelligent bist. Und das nur, weil du so lieb warst. Du läufst im Hopserlauf mit offenen Armen durch die Welt, wirst aber dabei ständig mit Messern beworfen. Jeder andere Mensch baut in so einem Umfeld eine Mauer. Bewaffnet sich, zeigt die Zähne, stumpft ab...du bist so lange weiter gesprungen, bis du nur noch humpeln konntest. Du bist der gutmütigste Mensch, den ich kenne.
Entweder stimmt etwas mit dir nicht, oder mit dieser Gesellschaft







"Was ist Ihnen passiert?"
"MS"
"Ah, hatte mein Freund auch."
"Hatte? Ist er gestorben?"
"Nein. 
Jetzt ist er wieder gesund."












"MS. Wofür steht das?"
"Mega scheiße..
Oder: Mama schieben."
"haha"
"Nein spaß. Mama stirbt."











"Ich muss an mir selbst arbeiten. Wahrscheinlich gibt mein Körper mir die Zeit, die ich brauche."
"Verdammte Scheiße, Mama. Das sagst du seit drei Jahren. Niemand kann in seinem Bett liegen, Musik hören und an sich arbeiten. Buddha ist um die Welt gezogen, Gandhi ist um die Welt gezogen, die Erleuchtung wird nicht auf deine Raufasertapete projiziert während du alleine im Bett liegst."

"Ich gucke mir Bilder in den Wolken an."

"Ich bitte dich, Du musst hier raus."
"Ja, aber...was soll ich denn machen?"








"Ich glaube, meine Krankheit ist eine Art von Burn-Out."









"Warum hast du der Frau gerade so nett Hallo gesagt?
 Du kanntest die gar nicht."
"Sie hat so traurig geguckt, 
sie hatte bestimmt einen anstrengenden Tag."








"Warum isst du eigentlich kein Fleisch? Massentierhaltung? Klimawandel? Überbevölkerung? Stickstoffeinträge? ..Oder aus gesundheitlichen Gründen?"
"Nein, weil ich Tiere so lieb habe."

"Ist in Ordnung."










Mitpatientin: "manchmal frage ich mich, warum gerade ich."

Mama:"komisch..das habe ich mich noch nie gefragt. Warum sollte es denn jemand anderem so schlecht gehen?"


















"Wenn ich wieder gesund bin, möchte ich Robben erforschen. 
An der Nordsee"








"Wir haben dich nicht abgeschoben. Wir haben dich woanders hingeschoben, um besser mit dir Abschieben zu können."








































Danke an Pilar
die Familie und die vielen guten alten Freunde
Jens, Nora , Elke, Eva, Rainer, Andrea, Conny, Heike, Harald, 
Medea
Mareike
Elena
Mizgin
Svenja
Svea
Achim
Baghira
die Frau, die uns geholt und sie den Berg zum Konzert hochgeschoben hat
den Unbekannten für den Zeitungsausschnitt im Briefkasten
die Leute die uns in Bus und Bahn geholfen haben
an die Schriftsteller, Dichter, Künstler
die Pfingstgemeinschaft
 an die  Hundehalter
und Köche